Stall "Hamburger Jung"

Artikel aus der TRABinside (Ausgabe 1 - September 2015)

Pferde sind der Müllers Lust (und Leidenschaft)

" Durch die Leidenschaft lebt der Mensch, durch die Vernunft existiert er bloß."Diese Aussage wird dem französischen Dramatiker Nicolas de Chamfort (1741-1794) zugeschrieben. Andrea.Aylin und Andre Müller leben ihre Leidenschaft für die Pferde und den Trabrennsport. Ist das vernünftig? Sollte das überhaupt die entscheidende Frage sein?

Auf der Rennbahn hat es gefunkt 

Andrea (50) und Andre Müller (55), seit 35 Jahren sind sie ein Paar. " Wir haben uns auf der Rennbahn in Bahrenfeld kennen gelernt, im Stall von Trainer Gerd Lüth", berichtet Andre. Der Umgang mit den Trabrennpferden war schon immer ein wichtiger Teil ihres Lebens, seit einiger Zeit steht er nun noch mehr im Mittelpunkt:"Das ist ganz klar unser Ding", sagt Andre Müller auf dem Weg zur etwas über 1000m langen Trainingsbahn. Der eingefleischte HSV-Fan und seine Frau haben ein paar Kilometer nördlich von Hamburg einige Boxen angemietet.

Vieles dreht sich um Iljuschin

 

Tochter Aylin (20), seit Sommer 2014 ausgelernte Pfedewirtin, hat Iljuschin angespannt. Der sechsjährige Wallach ist "das beste Pferd im Stall". Ganz entspannt freut sich der Liebling von Aylin auf ein paar lockere Runden an diesem herrlichen Sommertag in der Kisdorfer Wohld. Die Tag zuvor hat es fast durchgehend geregnet, nun explodiert die Natur. Die weitläufigen Wiesen und Koppeln um den Stall sind schon fast kitschig grün, das Land ist keineswegs ganz so platt, wie sonst häufig in Schleswig-Holstein. Dadurch gibt es auf der  Trainingspiste sogar eine leichte Steigung und ein anschließendes Gefälle.

 

Insgesamt zehn Pferde, darunter zwei Zuchtstuten und ein Fohlen bei Fuß, betreut Andrea Müller täglich. Sie zeichnet auch als Trainerin für die sieben Startpferde verantwortlich. Wohnhaft ist die Familie im 20 Kilometer entfernten Hamburger Randbezirk Poppenbüttel. Dort geht Andre Müller auch seinem Broterwerb als Hausmeister nach.

 

Zehn Pferde wollen versorgt werden

Lange hat sich seine Frau Andrea auch eher nur nebenbei mit den Trabern beschäftigt. Aufgewachsen in Hamburg-Wilhelmsburg, ganz in der Nähe von Traberzüchter Richard Busch, war sie von Kindertagen im Stall nebenan zu finden. "Ich saß schon auf einem Pferd, bevor ich laufen konnte" denkt sie zurück. Nach einer Ausbildung zur Bürofachangestellten arbeitete sie 17 Jahre in der Qualitätssicherung einer amerikanischen Firma, die unter anderem Nahtmaterial für chirurgische Eingriffe herstellte. Nach zwei Bandscheibenvorfällen und einer großen Unzufriedenheit im bisherigen Job, machte sie sich gemeinsam mit ihrem Ehemann grundsätzliche Gedanken über ihren weiteren Lebensweg: "Ich habe gut verdient, bin aber schon mit Bauchschmerzen zur Arbeit gefahren. Irgendwann war klar, so kann es nicht weitergehen." Sie entschied sich, ihrem Herzen zu folgen und sich fortan mit Haut und Haaren den Pferden zu widmen. "Die Dankbarkeit, die von den Pferden ausgeht, ist einfach toll und erfüllend. Trotz aller körperlicher Belastung und manchem Rückschlag, stehe ich voll hinter dieser Entscheidung."

Ehemann Andre hat seine Frau beim beruflichen Richtungswechsel nach Kräften unterstützt und bestärkt. Auch wenn beide natürlich wussten, dass die Beschäftigung mit Trabrennpferden nicht nur viel Einsatz, sondern auch Geld kostet. Unterbringung, Futter, Heu und Stroh, Beschlag, Transporte und der Tierarzt, um nur die größten Posten zu nennen: "Finanziell war das natürlich kein Fortschritt", auch wenn zunächst eine ordentliche Abfindung des früheren Arbeitgebers den Übergang abfederte. "Wir sind beide weiterhin glücklich mit dieser Entscheidung!", so das seit 24 Jahren verheiratete Paar. An zwei Vormittagen der Woche verdient Andrea zusätzlich noch als Hauswirtschafterin Geld dazu.

Geburtstagsgeschenk dank Geburtshilfe

Iljuschin - benannt nach gleichnamigen Flugzeugen des russischen Konstrukteurs Sergei Iljuschin - hat inzwischen seine Runden gedreht und erhält nun aus den Händen von Aylin zwei Bananen. Für ein Pferd nicht unbedingt die typische Lieblingsspeise. Er wurde am 27. Mai 2009 auf dem Helenenhof der Familie Frahm geboren. An diesem frühlingstag, an dem auch Andrea jedes Jahr ihren Geburtstag feiert, war das Ehepaar Müller auf dem Weg zum Essen in ein restaurant. Sie wollten den Abend einfach locker ausklingen lassen. "Ich weiß gar nicht mehr warum, aber wir sind am Helenenhof vorbeigekommen, haben angehalten und wollten kurz mal bei den Pferden vorbeischauen. Da entdeckte uns Dirk Frahm, der dringend Hilfe bei der Geburt eines Fohlens benötigte. "Ich bin gleich abgehauen", erzählt Andre Müller schmunzelnd: "Das ist nichts für mich! Aber Andrea hat Dirk geholfen, das Fohlen aus der Sterna Jet zu holen."

 

Es war die Geburt von Iljuschin, zu dessen Geschwistern neben Alpha Jet auch der Derby-Vierte Halley Jet Star gehört. So hatte Andre auch noch das passende Geburtstagsgeschenk für seine Ehefrau, wie praktisch. Und mit diesem Iljuschin hat Anfang März Tochter Aylin ihr erstes Rennen bei den Profis zur Siegquote von 156:10 in Hamburg gewonnen. Da schließt sich der Kreis.

 

 

Starts in Dänemark 

Andre Müller steht an den seltener gewordenen Renntagen in Bahrenfeld häufig im winner-circle. Nicht etwa, weil die familieneigenen Pferde jedes Rennen am Volkspark gewinnen würden. Vielmehr tauscht er sich im Experten- Gespräch mit den Rennbahnkommentatoren Martin Fink oder Carsten Borck über die Chancen und Möglichkeiten der Teilnehmer der nächsten Prüfungen aus. So manchem Wetter hat er mit seinem Fachwissen schon zu einem schönen Treffer verholfen. Er kennt sich aber nicht nur mit den deutschen Startern bestens aus. Sein Blick geht, insbesondere auch was die Rennausschreibungen angeht, immer wieder in Richtung Dänemark. Schon mehrfach haben die Pferde aus dem "Stall Hamburger Jung" im Nachbarland einen Siegerscheck oder ein ordentliches Geld mitgenommen. "Wir fahren häufiger mit unseren Pferden nach Nyköbing. Das sind von uns aus nur etwa 200 Kilometer", so Andre Müller. "Die Fähre von Puttgarden nach Rödby und zurück macht die Sache leider etwas kostspieliger, insbesondere mit dem LKW. Aber die Rennbahn ist wirklich schön. Auch auf den dänischen Pisten in Odense, Billund und Aarhus waren wir schon. Irgendwann wollen wir auch mal in Schweden an den Start gehen."

 

05.05.2016

Dust All Over   HH